Dieses Seminar nimmt queere und kritische Perspektiven auf Fragen der Reproduktion und Verwandtschaft ein. Wir starten mit Schneiders Kritik, welche westliche Voreingenommenheit hervorhebt und deren Status als universellen Rahmen zur Erklärung sozialer Strukturen infrage stellt. Auf dieser Basis untersuchen wir, wie queere Reproduktion als Ort des Widerstands, der Konflikte und der Neugestaltung familiärer Bindungen in unterschiedlichen globalen Kontexten fungiert. Wir diskutieren beispielsweise das Konzept der queeren Relationalität, bei dem Verbundenheit durch geteilte Erfahrungen und Identitäten neu definiert wird. Zudem befassen wir uns mit der Rolle von Sorge in queeren Lebensrealitäten, insbesondere damit, ob und wie nicht-normative Sorgepraktiken als Akte des Widerstands gegen gesellschaftliche Erwartungen verstanden werden können. Darüber hinaus thematisieren wir (queere) reproduktive Gerechtigkeit sowie die Komplexitäten queerer Familiengründung, etwa durch transnationale Leihmutterschaft, Adoption, Pflegekinder oder Co-Parenting.
Im Verlauf des Semesters erhalten die Studierenden zudem Einblick in ein laufendes mixed-methods-Projekt zu queeren Familien in der Schweiz. Sie haben die Möglichkeit, sich intensive mit einem Interessensgebiet ihrer Wahl auseinanderzusetzen (z. B. trans Elternschaft, queeres Grosselternsein, Wahlverwandtschaften, Stillen, Wunscheltern, usw.) und aktiv an der Datenanalyse mitzuwirken. Insgesamt werden die Studierenden dazu ermutigt, sich kritisch mit diesen Themen auseinanderzusetzen und zum lebendigen Diskurs beizutragen, der ihr Verständnis von (queerer) Reproduktion im Kontext der Sozialanthropologie und der Queer Studies auf globaler Ebene vertieft.