In der Geschichte Alteuropas war für alle Sprachhandlungen eine einheitliche Universalwissenschaft zuständig: die Rhetorik. Sie umfasste das Auffinden, Anordnen und sprachliche Ausgestalten von Ideen, die Speicherung/Abrufung von Wissensbeständen sowie die Performanz von Auftritt und Rede. Ihr Lehrgebäude beruhte auf einer Art Baukastensystem. Eine schulgemäß kunstvolle Rede bestand in der Rekombination sprachlicher Topoi aus einem seit der Antike angesammelten Inventar, das durch die Gedächtnisleistung (memoria) der lateinisch Gebildeten reaktualisiert wurde.
Das in der Frühen Neuzeit aufkommende Modell einer originalen Künstler- und Autorschaft, juristisch flankiert durch die Einführung des Urheberrechts, bedeutete einen radikalen Bruch mit der rhetorischen Tradition. Es kreiste um den Faszinationsbegriff des Genies. Das Genie schöpft diesem Verständnis gemäß nicht intertextuell aus dem Archiv, sondern zeichnet sich durch die Fähigkeit aus, eine ganz und gar eigene Sprachwelt aus seinem Innern heraus zu erschaffen. Auch wenn der Überschwang der sogenannten Genieperiode inzwischen verklungen ist, wird die Textproduktion bis in unsere Tage hinein von der damals durchgesetzten Originalitätserwartung geprägt. Anerkennung findet nur das, was sich als Eigenleistung ausweisen kann - vom grossen literarischen Werk bis zur Seminararbeit und zum Schulaufsatz, während alles andere unter Plagiatsverdacht gestellt wird. Die Anweisung lautet: „Sei originell!“ Beziehungsweise: „Sag es in deinen eigenen Worten!“
Die rasanten Fortschritte maschineller Textproduktion durch KI lässt nicht nur die Unterscheidbarkeit zwischen Original und Plagiat zweifelhaft werden. Sie erschüttert auch die seit dem 18. Jahrhundert kulturell massgeblichen Kategorien von Originalität, Individualität und Subjektivität, hat also massive ästhetische und anthropologische Konsequenzen. Kehren wir deshalb zu einem vorsubjektiven Verständnis von Autorschaft im Sinne der Rhetorik zurück? Diese und andere Thesen gilt es zu überprüfen.
Die Veranstaltung untergliedert sich in zwei Teile. Nach der Erarbeitung der historischen und theoretischen Zusammenhänge im klassischen Seminarstil geht die Initiative an die Studierenden über. Unter Mitwirkung von Philipp Ferstl als teaching assistant sollen eine Reihe von Experimenten mit KI-Textgeneratoren durchgeführt werden.