Wir erleben derzeit eine Krise der psychischen Gesundheit von globalem Ausmaß, deren Tragweite und Dringlichkeit durch die COVID-19-Pandemie deutlich zutage getreten sind. Jüngste groß angelegte Studien zeigen, dass etwa 50 % der Bevölkerung bis zum Alter von 75 Jahren mit einer psychischen Störung rechnen müssen. Die Krise ist nicht nur durch steigende Diagnoseraten gekennzeichnet, sondern auch durch anhaltenden ungedeckten Behandlungsbedarf, selbst in wohlhabenden Gesellschaften. Stigmatisierung und mangelndes Bewusstsein bleiben gewaltige Hindernisse, während Frauen, geschlechtsuntypische Personen, einkommensschwache Gruppen und ethnisch marginalisierte Bevölkerungsgruppen eine unverhältnismäßig hohe Belastung tragen.
Diese Vorlesungen gehen von der Überzeugung aus, dass philosophische Methoden und Werkzeuge hier einen besonderen Beitrag leisten können – nicht als direktes Heilmittel, sondern als Mittel zur kritischen Reflexion über die Konzepte, Normen und Annahmen, die das Verständnis, das Erleben und die Behandlung von psychischer Gesundheit und psychischen Störungen prägen. Durch die sorgfältige Untersuchung dieser Vorannahmen kann die Philosophie aufzeigen, wie psychische Gesundheit und psychische Störungen in das Gewebe des Alltags eingebunden sind – und dieses wiederum stören. Ausgehend von einer Reihe intellektueller Traditionen, von der Psychoanalyse bis zur zeitgenössischen Philosophie der Psychiatrie und von der Phänomenologie bis zur kritischen Gesellschaftstheorie, setzt sich der Kurs mit Fragen wie diesen auseinander: Was bedeutet Gesundheit, und wie unterscheiden wir zwischen gesunden und ungesunden (kranken, pathologischen, gestörten) Zuständen und Bedingungen? Wann und aus welchen Gründen ist es sinnvoll, von solchen normativ belasteten Unterscheidungen hin zum Rahmenkonzept der „Neurodiversität“ überzugehen? In welcher Beziehung steht die mentale oder psychische Dimension von Gesundheit zum Körper? Wie verhalten sich (Un-)Gesundheit und Rationalität, Handlungsfähigkeit und Autonomie zueinander? Wie sollen wir zentrale diagnostische Kategorien wie z. B. „Depression“, „Angst“, „Dissoziation“, „Schizophrenie“, „Autismus“ und andere philosophisch verstehen? Und welche ethischen Fragen ergeben sich aus den Praktiken der Diagnose, Behandlung und psychiatrischen Versorgung, einschließlich Fragen der Etikettierung, der Einwilligung und der institutionellen Macht?
Im Mittelpunkt des Kurses steht die Auseinandersetzung mit den sozialen, politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Normen und Strukturen, die das psychische Leben prägen. Wir werden untersuchen, wie die heutige Arbeitsorganisation, die sozioökonomischen Zwänge von Hyperfunktionalität und Selbstoptimierung, die Epidemie der Einsamkeit, sexueller und intimer Missbrauch und Gewalt, Rassismus, Klimawandel, politische Polarisierung und Krieg zur Entstehung und Verfestigung von psychischen Erkrankungen und psychischem Leiden beitragen.